
Jan Schmidt über "Wie wir bloggen"
Hartnäckige Mythen über bösartige, ungewaschene Blogger mit Dreitagebart wurden gleich zu Beginn der re:publica 2007 in Berlin entkräftet, und zwar von Wissenschafter Jan Schmidt von der Uni Bamberg. Seine Umfrage "Wie ich blogge?!" ist die bislang größte Befragung von BloggerInnen im deutschsprachigen Raum.
Eines vorweg: "Die" Blogosphäre gibt es ohnehin nicht. BloggerInnen existieren nicht in einem abgeschlossenen eigenständigen Universum. Vielmehr kann man es sich als Sphärensystem aus vielen unterschiedlichen Galaxien vorstellen. Technisch sind Blogs natürlich definierbar (umgekehrt chronologisch aufgebaute Websites mit oder ohne Kommentarfunktion und Vernetzung), aber nicht, was die Autorenschaft betrifft.
Schmidt sprach drei Mythen an:
- Blogger sind (männliche) Nerds
- Blogs sind eine Gegenöffentlichkeit
- Blogs sind irrelevant
ad) Nerd-Nutzer
Die bekannten bzw. medienwirksamen Umfragen sind nicht wissenschaftlich und somit nicht repräsentativ. Tatsache ist: 66 % der BloggerInnen sind weiblich. Auch wenn das nicht in den diversen Business-Blog-Charts manifest wird.
ad) Gegenöffentlichkeit
Die Behauptung, jeder Blogger sei ein Journalist oder wolle einer sein, stimmt nicht. Blogs sind in erster Linie ein Alternativmedium. Viele JournalistInnen von klassischen Medien führen auch Blogs. Es gibt keine klare Trennung. Den meisten BloggerInnen geht es aber eben nicht um eine Alternativöffentlichkeit, sondern um Öffentlichkeit für sich selbst und für die eigene Meinung. Die Themen sind vielfältig: über private Geschichten, Bilder, kommentieren von anderen Websites, politische Themen seien nur zu einem Drittel interessant. Es geht also um persönliche Öffentlichkeit und nicht um alternativen Journalismus oder Citizen Journalism.
ad) Irrelevanz
Das sei das Totschlagargument der klassischen Medien, Werbe- und PR-Agenturen und JournalistInnen als Abwehrreaktion auf ihre schwindende Macht über das Monopol der Öffentlichkeit. Das Argument stimmt, verglichen mit den traditionellen Maßstäben von traditionellen Medien, wo hohe Öffentlichkeit und gesellschaftliche Relevanz untrennbar miteinander verbunden sind. Aber diese Maßstäbe sind nicht in Bezug auf das Ziel der "persönlichen Öffentlichkeit" anwendbar. Vielleicht sind die einzelnen Blogs für 99% der Öffentlichkeit irrelevant. Aber für die einzelnen LeserInnen der Blogs sind diese zu 100% relevant.
Aber auch innerhalb der "Blogsphäre" gibt es laut Schmid hartnäckige Mythen. Zum Beispiel über das Verständnis, was "richtiges Bloggen" sei. Und damit werden oft "Strick- und Katzenblogs" von Frauen und Teenager abgekanzelt. Es gibt Vorzeigeblogger (die so genannten A-Blogger), aber die sind verschwindend selten. Der Großteil findet sich im "Long Tail", werden von wenigen gelesen, sind aber dennoch für diese LeserInnen hochrelevant. Deswegen: "Wenn man Blogs ernst nimmt, muss man den Long Tail ernst nehmen.
Weitere Informationen in seinem "Bamblog" bzw. im Weblog der Forschungsstelle "Neue Kommunikationsmedien" (FoNK) an der Universität Bamberg.






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